"Germania“-Müller in Hemme: Johannsen auf die Straße gesetzt
Thiessen sollte Kirchenbaumeister werden – Capobus dressierte Pferde
  Von Hans-Peter Petersen

 

Von den vielen Windmühlen in Norderdithmarschen erlebten sicherlich die „Germania“ in Hemme und ihre beiden Vorgängerinnen das wechselvollste Schicksal.
Hans Peters aus Gaushorn, vorher in Wittenwurth, besaß die Bockmühle im Jahre 1697; von Lafrentz Peters erwarb sie 1717 Johann Eggers. 1723 kaufte sie Hans Hintz aus Kleve und gab sie, wohl nur pachtweise, sofort an Claus Junge weiter; jedenfalls erstand Johann Thiessen sie im Januar 1739 nicht von Junge, sondern von der Witwe des Kirchspielsvogts und Landnotars Timm in Heide.
Thiessen, der kaum lesen und gar nicht rechnen konnte, erfuhr im Frühjahr 1750, daß seine Berufung zum Kirchenbaumeister bevorstände. In großer Angst richtete er ein „allerunterthänigstes, fußfälligstes Gesuch“ an die großfürstliche Regierung in Kiel. „Da er seine Handthirung selber treibet und keinen Gesellen halten kann, mithin Tag und Nacht auf Wind und Wetter lauern und bei gutem Winde das vorhandene Getraide selbst klein machen muß, auch bekannt, wie bei einer Wind-Mühle besondern bei hefftigem Winde die allersorgfältigste praecaution“ (Vorsicht) „zu gebrauchen, daß das Mehl nicht verdorben und die Mühle conserviret werde“, befürchtete der Müller, entweder sein Amt oder seinen Beruf zu vernachlässigen, so daß er „gar gewiß aus seiner Handthirung gesezet und am Bettelstab gerathen würde“.


Der befürwortende Bericht des Landvogtes Paulsen dürfte zu einer Freistellung des Müllers geführt haben, der sich allerdings nicht lange seines Sieges freuen sollte, denn der Tod ereilte ihn noch im gleichen Jahr.
Seine Kinder ließen am 9. 2. 1751 „ihre zu Westen in Hemme habende Wind-Mühle, nebst Hauß und Hoffstette, Küchen Hoff, 5 Blicken, 1 Spreth Hammer, eine Kuh Fuß, eine halbe Meßel Tonne, ein Scheffel, und die dabey gehörige Tauen, mit 2 Frauen- und ein Mannes Sitz in der Hemmer Kirche“ versteigern. Den Zuschlag erhielt für 330 M der Müller Jürgen Höhling aus Böddinghusen, an dessen Stelle Hans Beeck aus dem Moor bei Neuenkirchen in den Vertrag eintrat. Beck vergab die Mühle zunächst in Pacht, bis er sie 1757 an seinen derzeitigen „Häuersmann“ Carsten Johannsen veräußerte. Der Verkauf kam aber nicht zustande, der der Kirchspielsvogt Hermann Tiessen Jacobsen sich durch einen „Beispruch“, das damals häufig angewandte Vorkaufsrecht, in den Besitz des Mühlengeweses setzte.
Der Übergabe zum 1. Mai 1757 stellen sich jedoch Hindernisse in den Weg. Johannsen weigerte sich nämlich, Haus und Mühle zu räumen, bevor er nicht die für den Beispruch ausgesetzte Entschädigungssumme von 50 Thalern erhalten hätte. Als ihm der Landvogt bei Androhung einer Geldstrafe befahl, sofort auszuziehen, ritt Johannsen eiligst nach Heide, um einen Aufschub zu erwirken. Bei seiner Rückkehr stellte er mit Schrecken fest, daß die Obrigkeit ihn an Schnelligkeit übertroffen hatte: Der Gerichtsdiener aus Lunden hatte alle Schlösser des Müllerhauses aufgebrochen und Johannsens gesamte Habe auf die Straße geworfen.
Es ist anzunehmen, daß der neue Eigentümer Jacobsen die Mühle in Pacht vergab, wie es nach seinem Ableben noch seine Witwe hielt: Von 1772 bis 1774 häuerte Jürgen Thießen aus Böddinghusen, danach Peter Thießen die Hemmer Mühle.
1777 finden wir sie im Besitze des Hennstedter Kirchspielvogtes Carsten Bahr Eggers aus Kleve, der sie 1781 an Hans Paulsen verkaufte. 1788 ist Peter Laß „aus der Bünge“ Eigentümer, von dem sie 1790 Johann Peter Hargens aus dem Schlichtinger Neuen Koog für 900 Thaler erwarb. Die Bockmühle scheint damals schon altersschwach gewesen zu sein, denn Hargens verpflichtete sich bei dem Kauf, „wenn die Witterung und Wege es zulaßen, sogleich einen neuen Fuß unter der Mühle zu bringen und überhaupt für die Gefahr einzustehen“.
Nach der öffentlichen Lesung des Kaufvertrages meldeten mehrere Lieferanten ihre Forderungen an: Ein Handwerker aus Lunden beanspruchte 9 M „für vorgefertigte Decker Arbeit bey der Mühle“, ein Kaufmann eine Summe für eine Holz- und Kalklieferung und ein Weinhändler aus Friedrichstadt 4 M 4 ß für Branntwein und ein nicht zurückgegebenes Faß; also betrieb bereits Müller Laß im Mühlenhause eine Gastwirtschaft. Nach dem Verkauf des Geweses zog er nach St. Annen.
Kaum hatte Hargens seinen Besitz angetreten, als die Mühle am 30. 4. 1790 in Flammen aufging. Branddirektor Tetens aus Heide reiste nach Hemme, um den Müller, seine Frau und einige Nachbarn über die Ursache des Brandes zu vernehmen. Hargens sagte aus „Er habe zur Zeit des Ausbruches des Feuers nebst seiner Frauen im Bette gelegen und geschlafen. Als er aufwachte, habe die Mühle schon gebrannt. – Am Tage vor dem Brande habe Deponent“ (Zeuge) „weil der Wind nicht stark gewehet, nur gleichsahm zum Zeitvertreib gemahlen, des Abends etwa um 7 Uhr habe er abgescheeret, und die Mühle beym Zuhaußegehen selbst abgeschloßen.“ Die Ursache des Brandes blieb unbekannt.
Hargens ließ die Mühle als Holländer wieder aufbauen.
Im Oktober 1792 verkaufte Hargens seinem Gläubiger, dem Hemmer Kirchspielvogt Marx Wiebers Jacobsen, für 3900 M, wobei er sich verpflichtete, „einen neuen Boden in der Mühle zu liefern“.
Der neue Eigentümer verpachtete das Anwesen von 1794 bis 1797 an Jacob Friedrich Kohberg, den früheren Besitzer der Weddingstedter Mühle. Das Verhältnis gestaltete sich wenig erfreulich: Kohberg blieb mit den Pachtzahlungen im Rückstand und begann eines Tages, heimlich seine dem Kirchspielvogt verpfändeten Möbel fortzuschaffen. Nun sandte Jacobsen eiligst eine Beschwerde an den Landvogt, in der es hieß: „Ja, er wird nächstens die Mühle samt was dem anhängig gäntzlich verziehen, und sich nach Schleswig zu wohnen begeben, allwo er gehäuert haben soll. Ich kann aber nicht zugeben, daß er seine beweglichen Güter... hinweg transportiert, und mit sich führet, anbey mir ein leeres Nest zurückläßt.“ Landvogt Behrens verbot daraufhin im April 1795 dem Müller Kohberg, seine Habseligkeiten zu entfernen, bevor er nicht seine Pacht bezahlt hätte.
Im Jahre 1798 verkaufte Marx Wiebers Jacobsen die Hemmer Mühle an den damals 34jährigen Peter Gosch. Sein jüngerer Bruder Johann diente bei ihm als Müllerknecht, außerdem half „Hinrich Thiede, Tagelöhner, ein Fremder aus dem Mecklenburgischen“ bei allen anfallenden Arbeiten.
Von den Erben des etwa 1823 verstorbenen Gosch erstand um 1830 Hermann Badtschlag aus Westerdeichstrich die Mühle, die er 1832 auf den Namen des Peter Jacob Friedrichs umschreiben ließ. 1833 gestand ein in Meldorf inhaftierter Landstreicher, Albert Nordtmann aus dem Kirchspiel Eddelak, vor längerer Zeit aus der Wohnstube des Hemmer Müllerhauses eine zweigehäusige silberne Taschenuhr entwendet und sie bei einem Schneider in Kleve gegen Weste, Jacke und Hose eingetauscht zu haben.
In der Familie Friedrichs lebte auch der Stiefsohn Reimer Eck, ein vorehelicher Sohn des Müllers und seiner Frau, denen er durch Aufsässigkeit und mangelnden Arbeitseifer manche schwere Stunde bereitete. Am 27. Oktober 1836 erschien Friedrichs aufgeregt bei dem Kirchspielvogt Jebens und klagte über „ein Leiden in seinem Hause, das er der Behörde anzeigen müßte“. Er habe seinen Stiefsohn statt beim Steineschärfen rauchend in der Mehlkammer angetroffen und ihm deswegen Vorhaltungen gemacht, die Reimer so erzürnten, daß er seinen Vater nicht nur mit den Worten „Du Kerl, ... hier komm her, ik will die in die Kiste stecken, die Darms schölt die um de Been hangen!“, sondern auch mit einem „spitzig Instrument“ bedrohte. Nur das Eingreifen der Mutter habe Schlimmeres verhüten können. – Der Kirchspielvogt stellte den reumütigen Sünder unter polizeiliche Aufsicht; um die Gesundheit der durch die Anregung schwer erkrankten Mutter nicht zu gefährden, sah Landvogt Griebel von einer Strafverfolgung ab.
Im Jahre 1855 verkaufte Friedrichs die Hemmer Mühle an Claus Hinrich Harder. Vier Jahre später, im Januar 1859, brach ein Unbekannter ein Brett neben der Mühlentür heraus, so daß er die Tür öffnen und mehrere Säcke Weizenmehl entwenden konnte. Obwohl die nach Hemmerwurth führende Fußspuren starkenVerdacht auf einen dortigen Einwohner lenkten, blieb der Einbruch unaufgeklärt.
Im Mai 1860 ertrank beim Baden der junge Müllergeselle Wilken Prüß aus Seedorf. Ein Wagen brachte den Verunglückten eiligst in das Müllerhaus, wo man Wiederbelebungsversuche anstellte. Der hinzugerufene Arzt konnte nur den Tod feststellen.
1864 verließ Harder die Hemmer Mühle und zog, zuerst nach Flehde, später nach Lunden. Sein Nachfolger Wilhelm Capobus, eigentlich Land- und Gastwirt, begann im März 1870 mit Vieh zu handeln. Er gewann allmählich einen Ruf als „Pferde-Dresseur“ und schrieb sogar ein Buch über eine Kunst, das mehrere Auflagen erlebte. – Die Mühle verpachtete er bereits 1868 an den Müller Hinrich Thießen, der die Liebe zu seinem Beruf von seinem Vater Johann Meyn Thießen, Müllerbesitzer in Wesselburen, und seiner Mutter, einer Tochter des Müllers Witt aus Böddinghusen, geerbt haben muß. 1871 kaufte er Capobus die Mühle ab, der das Wohnhaus mit der Gastwirtschaft für sich behielt.
Von Januar bis August 1878 ersetzte der Zimmermann Peter Suhr aus Hennstedt die alte Mühle durch einen Galerieholländer, wobei Teile aus abgängigen Mühlen in Kiel, Neumünster und Gnutz eine neue Verwendung fanden. Der Neubau erhielt den patriotischen Namen „GERMANIA“.
Von Thießens beiden Söhnen erlernte Hans in Hadersleben das Maschinenbauernhandwerk, während Johannes als Müllergeselle bei seinem Vater blieb. Auch er fühlte sich jedoch zur Technik hingezogen; durch den Besuch einer Fachschule bildete er sich zu einem tüchtigen Ingenieur und Unternehmer heran. Nach dem Tode des Vaters im Jahre 1901 übernahm Hans Thießen die Mühle. Als ehemaliger Maschinenbauer legte er besonderen Wert auf den guten Zustand seiner Dampfmaschine. Im Ersten Weltkrieg zog auch er ins Feld; seine Frau Minna führte nun den Betrieb allein, nachdem sie es gelernt hatte, 150 Pfund schwere Säcke zu tragen. Nur bei der umständlichen Weizenmehlherstellung mußte Schwager Johannes helfen.
In den Notjahren nach dem Ende des Krieges, im August 1920, erbeuteten Einbrecher mehrere Säcke mit Mehl. Um diese Zeit etwa ersetzte man die riesige hölzerne Welle durch eine eiserne; ein tüchtiger Tischler verarbeitete das wertvolle alte Holz zu 24 Stühlen. – Im März 1929 bestanden mehrere bekannte Dithmarscher Müller auf der Hemmer Mühle ihre Gesellenprüfung, darunter Jasper Holm, Kuden, Otto Peters, Weddingstedt, und Willi Claußen, Strübbel.
Um 1936 geriet Hans Thießen mit der Jacke in das Kammradgetriebe, dessen hölzerne Zähne sich tief in seinen Arm gruben. Im letzten Augenblick riß der Ärmel ab; Thießen konnte sich befreien und blieb vor dem Schlimmsten bewahrt.
Da kein männlicher Erbe das Anwesen übernehmen konnte, verkaufte es Hans Thießen im Jahren 1939 an den Müllerssohn Johannes Matzen aus Goldebek bei Bredstedt. Hatte „Germania“ bisher außer einem Franzosengang zur Feinmehlherstellung einen Futterschrotgang (außerdem einen Dieselmotor und eine Schälmaschine), so vervollständigte Matzen die Einrichtung durch moderne Walzenstühle. Um das Jahr 1950 zwang ihn eine schwere Erkrankung, seinen Beruf und damit die Mühle aufzugeben. Nach einem Zwischenspiel unter dem heimatvertriebenen Mühlenkaufmann Willibald Kurß ging die Hemmer Mühle endlich in den Besitz der Wesselburener Getreidefirma J. Stöfen über, die in den weitläufigen Gebäuden ein Schrotlager einrichtete.
Als 1961 der Sturm einen der längst stillstehenden Flügel der „Germania“ abriß und auf die Dorfstraße schleuderte, verzichtete man auf einen kostspieligen Wiederaufbau und brach die Mühle ab. Nur der steinerne Unterbau blieb erhalten und bildet die letzte sichtbare Erinnerung an die „Mühle zu Westen in Hemme“.

                                     


Das Mühlen-Vorderhaus, direkt an der Dorfstraße                                        Der steinerne Unterbau der Mühle


Verkauft wurde dieser steinerene Unterbau von der Firma Stöven an den Hamburger Beerdigungsunternehmer Günter Jürs im Jahre 1978, der bis zum jetzigen Zeitpunkt, 2003, darin seßhaft ist.

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